Samstag, 3. Dezember 2011

Von Enzo, dem Geschichtenerzähler






Jetzt sitzt Renate an ihrem Notebook, schaut mich an und sagt, „nun erzähl mal“ und sie versteht nicht, dass ich jetzt viel lieber toben würde. Außerdem macht das Erzählen während eines Rundgangs durch den Garten sowieso viel mehr Spaß. Seite an Seite, den Vögeln bei ihren eleganten Flügen hinter her sehen, zuschauen wie Sonnenstrahlen sich in den Wassertropfen des letzten Regenschauers brechen, die auf den vertrockneten Halmen des Schilfs sitzen und dabei plaudern. Das insperiert. Aber nicht in einem karg eingerichteten Zimmer auf dem Schreibtisch sitzen und auf eine Tastatur starren.
Außerdem – laut unserer Vereinbarung habe ich noch Zeit meine Geschichten zu erzählen und meine Gedanken in eine den Menschen zugängliche Form zu fassen. Schließlich fehlen noch viele Kapitel ihres Schneckentöters. Während sie ihn schrieb saß ich oft gemeinsam mit meiner Schwester Minou in Renates Sessel hinter ihrem Rücken, auf dem Schreibtisch oder im Regal über dem Schreibtisch. Die drei Alten, Kitty, Luigi und Carlito verschliefen diese spannende Zeit. Aber wir zwei haben Renate begleitet, sie oft zur Pause überredet und sie aufgefordert mit uns zu spielen und uns stundenlang kraulen lassen. Dann tippte sie zwar mit einer Hand weiter. Das störte uns aber nicht.
Oft denke ich an die wunderschöne Zeit mit Minou zurück. Geboren wurden wir in einem Bettkasten, drei Kater und eine Kätzin und ich war der erste, der aus dem Kasten herauskletterte und den Weg, die Treppe herunterpurzelnd ins Wohnzimmer fand. Vorsichtig, zögernd kletterten die anderen hinterher und wir staunten, saßen dort noch mehr Katzen, große starke Hunde und sehr nette Menschen, die bei unserem Anblick vergaßen ihen Kaffee zu trinken. Wir wurden von Arm zu Arm gereicht, von allen Katzen geschrubt, geschniegelt und umsorgt, von den Hunden bewacht, damit die unkastrierten Kater aus der Nachbarschaft nicht unser Grundstück betraten. Nebenbei erfuhren wir, unsere Geburt war ein Versehen. Unsere Mama war ein paar Tage vor dem Schwangerschaft-unmöglich-mach Termin ausgerissen und mit uns im Bauch wieder nach Hause gekommen. Keiner war wirklich taurig darüber, waren wir doch allerliebst und wunderschön. Nur unsere kleine zarte Mama wurde immer wieder bedauert, sich mit so einer Rasselbande herumschlagen zu müssen. Und ich sei der anstrengenste – hieß es von allen Seiten. Immer mit Vollgas unterwegs, aber nie ohne meine Schwester, die dann mit mir zusammen zu einer Familie zog, die uns vorher nur einmal besucht hatte. Aber schon beim ersten Schnuppern gefielen mir die Leute, und wie sie mit uns sprachen. Ohne jedes Getue, klar und verständich und nicht mit diesem „auchwiesindsiedochsosüss“ Geschmuse. Da wussten wir sofort, da werden wir richtig sein. Schon unsere Mama hatte uns zur Vorsicht gemahnt, alle kleinen Lebewesen sind süß, aber wir werden schnell groß und auch dann ist es gut, Menschen zu haben, die wissen, Spiele, Zuwendung und Futter gehören zu einem wunderschönen Katzenleben. Voll Vertrauen in eine glückliche Zukunft haben wir während der langen Reise nicht gejammert. Die Klimaanlage blies frische Luft in das Auto, das erleichterte uns die Fahrt. Im neuen Heim bekamen wir endlich unsere Namen. Renate sah uns an, entschied, meine wunderschöne dreifarbige Schwester soll Minou heissen und ich wurde in den nächsten Tagen einige Male umbenannt, bis die ganze Familie mit Enzo Ferrari einverstanden war, Porsche, Jaguar oder Silberpfeil hätte auch gepasst, sagte Minou, Speddy Gonzales wurde auch in die Diskussion geworfen. Aber das lehnte ich ab, das war unter meiner Würde.
Jetzt begann eine turbulente Zeit. Eine Entdeckung folgte der nächsten. Wasser wurde unsere Leidenschaft. Überall stand es zur Verfügung, Speissfässer, Regentonnen, ein Pool - nur der Teich, der war fast leer. Die Fische pressten sich in einer kleinen Pfütze aneinander. Ein Wunder das sie noch lebten. Die ruhige ausgeglichene Renate wurde aktiv und unser erstes gemeinsam mit Bravour bestandenes Abenteuer begann.



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