Jetzt sitzt
Renate an ihrem Notebook, schaut mich an und sagt, „nun erzähl mal“ und sie
versteht nicht, dass ich jetzt viel lieber toben würde. Außerdem macht das
Erzählen während eines Rundgangs durch den Garten sowieso viel mehr Spaß. Seite
an Seite, den Vögeln bei ihren eleganten Flügen hinter her sehen, zuschauen wie
Sonnenstrahlen sich in den Wassertropfen des letzten Regenschauers brechen, die
auf den vertrockneten Halmen des Schilfs sitzen und dabei plaudern. Das
insperiert. Aber nicht in einem karg eingerichteten Zimmer auf dem Schreibtisch
sitzen und auf eine Tastatur starren.
Außerdem –
laut unserer Vereinbarung habe ich noch Zeit meine Geschichten zu erzählen und
meine Gedanken in eine den Menschen zugängliche Form zu fassen. Schließlich
fehlen noch viele Kapitel ihres Schneckentöters. Während sie ihn schrieb saß
ich oft gemeinsam mit meiner Schwester Minou in Renates Sessel hinter ihrem
Rücken, auf dem Schreibtisch oder im Regal über dem Schreibtisch. Die drei
Alten, Kitty, Luigi und Carlito verschliefen diese spannende Zeit. Aber wir
zwei haben Renate begleitet, sie oft zur Pause überredet und sie aufgefordert
mit uns zu spielen und uns stundenlang kraulen lassen. Dann tippte sie zwar mit
einer Hand weiter. Das störte uns aber nicht.
Oft denke
ich an die wunderschöne Zeit mit Minou zurück. Geboren wurden wir in einem
Bettkasten, drei Kater und eine Kätzin und ich war der erste, der aus dem
Kasten herauskletterte und den Weg, die Treppe herunterpurzelnd ins Wohnzimmer
fand. Vorsichtig, zögernd kletterten die anderen hinterher und wir staunten,
saßen dort noch mehr Katzen, große starke Hunde und sehr nette Menschen, die
bei unserem Anblick vergaßen ihen Kaffee zu trinken. Wir wurden von Arm zu Arm
gereicht, von allen Katzen geschrubt, geschniegelt und umsorgt, von den Hunden
bewacht, damit die unkastrierten Kater aus der Nachbarschaft nicht unser
Grundstück betraten. Nebenbei erfuhren wir, unsere Geburt war ein Versehen.
Unsere Mama war ein paar Tage vor dem Schwangerschaft-unmöglich-mach Termin
ausgerissen und mit uns im Bauch wieder nach Hause gekommen. Keiner war
wirklich taurig darüber, waren wir doch allerliebst und wunderschön. Nur unsere
kleine zarte Mama wurde immer wieder bedauert, sich mit so einer Rasselbande
herumschlagen zu müssen. Und ich sei der anstrengenste – hieß es von allen
Seiten. Immer mit Vollgas unterwegs, aber nie ohne meine Schwester, die dann
mit mir zusammen zu einer Familie zog, die uns vorher nur einmal besucht hatte.
Aber schon beim ersten Schnuppern gefielen mir die Leute, und wie sie mit uns
sprachen. Ohne jedes Getue, klar und verständich und nicht mit diesem
„auchwiesindsiedochsosüss“ Geschmuse. Da wussten wir sofort, da werden wir
richtig sein. Schon unsere Mama hatte uns zur Vorsicht gemahnt, alle kleinen
Lebewesen sind süß, aber wir werden schnell groß und auch dann ist es gut,
Menschen zu haben, die wissen, Spiele, Zuwendung und Futter gehören zu einem
wunderschönen Katzenleben. Voll Vertrauen in eine glückliche Zukunft haben wir
während der langen Reise nicht gejammert. Die Klimaanlage blies frische Luft in
das Auto, das erleichterte uns die Fahrt. Im neuen Heim bekamen wir endlich
unsere Namen. Renate sah uns an, entschied, meine wunderschöne dreifarbige
Schwester soll Minou heissen und ich wurde in den nächsten Tagen einige Male
umbenannt, bis die ganze Familie mit Enzo Ferrari einverstanden war, Porsche,
Jaguar oder Silberpfeil hätte auch gepasst, sagte Minou, Speddy Gonzales wurde
auch in die Diskussion geworfen. Aber das lehnte ich ab, das war unter meiner
Würde.
Jetzt
begann eine turbulente Zeit. Eine Entdeckung folgte der nächsten. Wasser wurde
unsere Leidenschaft. Überall stand es zur Verfügung, Speissfässer, Regentonnen,
ein Pool - nur der Teich, der war fast leer. Die Fische pressten sich in einer
kleinen Pfütze aneinander. Ein Wunder das sie noch lebten. Die ruhige
ausgeglichene Renate wurde aktiv und unser erstes gemeinsam mit Bravour
bestandenes Abenteuer begann.

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